Ergotherapie bei DIS

Wenn von Ergotherapie die Rede ist, denken viele an Unfallnachsorge oder Motoriktraining. Doch Ergotherapie umfasst viel mehr: Sie verbindet Körper, Psyche und Alltag. Gerade bei einer Dissoziativen Identitätsstruktur (DIS) kann Ergotherapie ein wichtiges Fundament sein. Sie bietet Sicherheit, stärkt die Handlungsfähigkeit und hilft, im Alltag zurechtzukommen.

Was ist Ergotherapie?

Ergotherapie soll Menschen in ihrer Handlungsfähigkeit im Alltag unterstützen. Sie ist praktisch, ressourcenorientiert und alltagsnah. Typische Schwerpunkte sind:

  • Alltagskompetenzen trainieren (Haushalt, Termine, Selbstversorgung)
  • Aufmerksamkeit und Gedächtnis fördern
  • Kreativen Ausdruck ermöglichen (z. B. Malen, Handwerk, Musik)
  • Selbstwirksamkeit und Sicherheit stärken

Warum ist Ergotherapie bei DIS hilfreich?

Eine DIS bringt unterschiedliche innere Anteile mit eigenen Fähigkeiten und Belastungsgrenzen mit sich. Das kann den Alltag unübersichtlich machen. Ergotherapie wirkt hier stabilisierend:

Alltag strukturieren

Pläne und Routinen geben Halt

Handlungsfähigkeit fördern

auch wenn ein Anteil blockiert, kann Tun zurück in die Gegenwart führen.

Selbstwirksamkeit erleben

kleine Erfolge stärken das Gefühl „Ich kann etwas“.

Körper- und Sinneswahrnehmung verbessern

durch Übungen mit Materialien, Berührung, Bewegung.

Kreative Ausdruckswege schaffen

Anteile können nonverbal etwas ausdrücken.


Beispiele aus der Praxis

1. Alltagstraining

Einkaufen üben: Mit einer festen Liste in den Supermarkt gehen, kleine Beträge bezahlen, Schritt für Schritt ausbauen.
Kochen trainieren: Einfache Rezepte in kleinen Schritten, später mehrere Anteile einbeziehen („wer schneidet, wer rührt“).
Tagesstruktur: Gemeinsam Wochenpläne erarbeiten, mit Symbolen oder Farben für Anteile, die Orientierung brauchen.

2. Kognitive Übungen

Konzentrationsspiele: Memory, Puzzles, Apps oder Arbeitsblätter.
Aufmerksamkeitstraining: „Finde fünf Dinge im Raum, die blau sind.“
Planung üben: Eine Aufgabe in drei Schritte teilen und nacheinander abarbeiten.

3. Körper- und Sinneswahrnehmung

Tastübungen: Mit geschlossenen Augen verschiedene Materialien fühlen (Holz, Stoff, Stein).
Bewegung: Kleine Bewegungsübungen mit Bällen oder elastischen Bändern, um Spannung zu regulieren.
Achtsamkeit: Einen Gegenstand in der Hand genau beschreiben – Form, Gewicht, Temperatur.

4. Kreative Methoden

Malen und Gestalten: Stimmungen farbig ausdrücken, Collagen für innere Anteile basteln.
Tonarbeiten: Etwas formen, das Stabilität oder Schutz symbolisiert.
Musik nutzen: Trommeln oder Rasseln, um Spannungen abzuleiten.

5. Ressourcenarbeit

Stärkebuch: Jede Woche ein Foto, ein Symbol oder eine Zeichnung für etwas, das gelungen ist.
Rituale: Eine bestimmte Handlung (z. B. eine Kerze anzünden), um die Therapie zu beginnen und zu beenden.
Anteile einbeziehen: Jemand darf malen, ein anderer etwas basteln – jeder Anteil bekommt einen kleinen Raum.


Chancen der Ergotherapie bei DIS

  • Stabilität durch Regelmäßigkeit
  • Integration durch gemeinsame Tätigkeiten
  • Niederschwelliger Zugang auch ohne Worte
  • Alltagsnähe und direkte Umsetzbarkeit

Grenzen

  • Ergotherapie ersetzt keine Psychotherapie.
  • Ohne Abstimmung im Behandlungsteam können Inhalte zu belastend sein.
  • Tiefe Traumaarbeit muss in Psychotherapie stattfinden, nicht in der Ergotherapie.




Ergotherapie ist bei DIS ein praktischer Begleiter: 
Sie hilft, im Alltag handlungsfähig zu bleiben, 
Sicherheit aufzubauen und Selbstwirksamkeit zu erleben.
 Über kleine Schritte, kreative Übungen und konkrete Alltagsbewältigung entsteht Stabilität
 – Anteil für Anteil, Moment für Moment.


Arbeitsblatt