Ein Regelwerk für alle Anteile

Ein System mit vielen Anteilen braucht Sicherheit. Jeder Teil trägt Erinnerungen, Gefühle oder Aufgaben, die einmal überlebenswichtig waren. Doch was damals das Leben geschützt hat, kann heute im Alltag Chaos oder Gefahr bedeuten. Wenn jeder Anteil nur nach seiner eigenen Logik handelt, entstehen innere Kämpfe, Amnesien oder riskante Situationen. Deshalb ist es hilfreich, ein gemeinsames Regelwerk zu haben – eine Art innere Verfassung, die Orientierung gibt.

Ein Regelwerk ist keine Strafe und auch kein Versuch, Anteile zu unterdrücken. Es ist vielmehr ein Schutzrahmen, in dem alle Stimmen gehört werden können. Regeln machen deutlich: Jeder Anteil ist willkommen und wichtig, aber niemand darf den anderen schaden oder das ganze System in Gefahr bringen. Man könnte sagen: Die Regeln sind wie Leitplanken auf einer Straße. Sie engen nicht ein, sondern verhindern, dass das Auto aus der Kurve getragen wird.

Typische Regeln betreffen den Schutz des Körpers, den Umgang mit Gefühlen und Erinnerungen, die Verantwortung für den Alltag und die Sicherheit in Beziehungen nach außen. So kann zum Beispiel festgelegt werden, dass nur erwachsene Anteile Auto fahren oder Medikamente einnehmen, dass niemand im System beschimpft oder verletzt werden darf, dass Erinnerungen nur in einem sicheren Rahmen hochkommen sollen und dass Kontakte zu gefährlichen Personen strikt verboten sind. Solche Regeln helfen, Vertrauen im Inneren aufzubauen. Sie nehmen der Angst, dass jederzeit etwas Unerwartetes geschehen könnte.

Wichtig ist, dass ein Regelwerk nicht von außen aufgedrückt wird, sondern im Inneren gemeinsam ausgehandelt. Manche Systeme schreiben die Regeln in ein Tagebuch, andere gestalten sie als bunte Karte, die man immer wieder anschauen kann. Mit der Zeit können Regeln ergänzt, verändert oder gestrichen werden – denn ein System ist lebendig und entwickelt sich weiter.

Das Ziel ist nicht, dass alle Anteile gleich denken oder fühlen. Das Ziel ist, dass es gemeinsame Grenzen gibt, die allen Sicherheit geben. Ein Regelwerk sagt: „Du darfst da sein, aber nicht um jeden Preis. Du bist wichtig, aber wir alle zusammen sind wichtiger.“ Es ist ein Schritt hin zu mehr Kooperation, weniger Chaos und einem sicheren Miteinander – innen wie außen.

Grundhaltung

Ein Regelwerk ist keine Strafe, sondern eine gemeinsame Vereinbarung zur Sicherheit. Jede Regel schützt das ganze System. Jede Regel anerkennt, dass alle Anteile wichtig sind.

Regeln für alle Anteile

(So könnte z.B. eine Regel-Vereinbarung aussehen. Wie immer gilt: Dies sind nur Anregungen. Jede/r Betroffene/r sollte für sich selbst, ob ein Regelwerk für sein System passend ist, und welche Regeln darin enthalten sein sollten)

Niemand im System darf den Körper absichtlich verletzen.

Suizidhandlungen sind verboten – stattdessen nutzen wir Notfallstrategien.

Der Körper gehört allen gemeinsam und wird respektvoll behandelt.

Verantwortung im Alltag liegt bei den erwachsenen Anteilen.

Kinderanteile dürfen spielen und sich zeigen, aber nicht allein nach außen gehen.

Innere Stimmen dürfen gehört werden, niemand wird zum Schweigen gezwungen.

Kein Anteil wird beschimpft, beleidigt oder bestraft.

Jedes Gefühl ist erlaubt, aber es darf nicht zerstörerisch ausagiert werden.

Erinnerungen dürfen auftauchen, aber nur in dem Tempo, das das System aushält.

Niemand darf andere Anteile mit Gewalt oder Drohung zum Schweigen bringen.

Geheimnisse dürfen ausgesprochen werden – aber in einem sicheren Rahmen.

Absprachen werden eingehalten, soweit es möglich ist.

Große Entscheidungen (Wohnort, Partnerschaft, Arbeit) werden nicht allein getroffen.

Außenkontakte (Therapie, Arzt, Freunde) dürfen nicht sabotiert werden.

Täterkontakte sind strikt verboten.

Kein Anteil darf absichtlich Trigger auslösen.

Streit wird über Worte, Schreiben oder innere Räume geklärt, nicht durch Gewalt.

Schutzräume dürfen jederzeit genutzt werden.

Kinderanteile dürfen kindlich fühlen und handeln – Erwachsene schützen sie dabei.

Niemand wird für seine Existenz angegriffen oder ausgeschlossen.

Jeder Anteil darf Bedürfnisse äußern, auch wenn sie nicht sofort erfüllt werden.

Wenn ein Anteil überfordert ist, darf er sich zurückziehen.

Jeder Anteil darf um Hilfe bitten – innen oder außen.

Verantwortung für Gefahren (z. B. Straßenverkehr, Medikamente) haben erwachsene Anteile.

Kein Anteil darf Alkohol, Drogen oder Medikamente missbrauchen.

Kein Anteil darf absichtlich lügen, wenn es die Sicherheit gefährdet.

Wenn jemand etwas nicht versteht, darf er fragen – Antworten sollen klar und freundlich sein.

Jedes Alter, jede Funktion, jede Erinnerung hat ihren Wert – niemand ist „mehr“ oder „weniger“.

Kein Anteil darf andere absichtlich mit Albträumen oder Flashbacks überfluten.

Innere Räume sind Schutzräume – niemand darf sie zerstören oder anderen den Zugang verwehren.

Körperpflege (essen, trinken, schlafen, Hygiene) ist Pflicht und wird respektiert.

Niemand darf Geld ausgeben, ohne dass die erwachsenen Anteile zugestimmt haben.

Beziehungen nach außen müssen sicher sein – niemand darf heimlich gefährliche Kontakte aufnehmen.

Wenn ein Anteil in Panik gerät, darf er Schutz suchen, aber nicht das ganze System in Gefahr bringen.

Es gilt die Regel: erst prüfen, ob die Situation im Heute oder im Damals ist.

Innere Kritik darf geäußert werden, aber in respektvoller Form.

Kreative Impulse (malen, schreiben, spielen) sind erlaubt – solange sie nicht sabotierend wirken.

Niemand darf einem anderen Anteil verbieten, Freude oder schöne Dinge zu erleben.

Entscheidungen für heute haben Vorrang vor alten Überlebensmustern von damals. Wir erinnern uns: Wir gehören zusammen. Auch wenn wir unterschiedlich sind – wir teilen ein Leben.

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