Dissoziative Identitätsstörung – eine psychologische Perspektive
Die Dissoziative Identitätsstörung (DIS) ist eine der schwersten psychischen Traumafolgestörungen. Sie gilt nicht als „angeborene“ Erkrankung, sondern als eine komplexe Überlebensstrategie des kindlichen Geistes. Im Zentrum steht das psychologische Prinzip: Wenn Erlebnisse in der frühen Kindheit unerträglich sind, spaltet das Kind Gefühle, Erinnerungen und Wahrnehmungen voneinander ab. So entsteht kein zusammenhängendes „Ich“, sondern verschiedene Anteile, die je eigene Aufgaben, Erinnerungen und Gefühle tragen.
Die Dissoziative Identitätsstörung ist aus psychologischer Sicht eine Überlebensleistung der Psyche. Sie schützt das Kind vor dem psychischen Zerbrechen, indem sie das Unerträgliche auf verschiedene Anteile verteilt. Im Erwachsenenleben aber führt genau diese Schutzleistung zu massiven Problemen: Identitätsstörung, Erinnerungslücken, innere Konflikte, Beziehungsabbrüche.
Psychologisch zeigt sich DIS damit als Störung der Integration: Gedanken, Gefühle, Erinnerungen und Selbstwahrnehmungen bleiben voneinander abgespalten. Die Herausforderung in Therapie und Alltag besteht darin, diese Abspaltungen nicht zu verurteilen, sondern langsam in ein kooperatives Miteinander zu überführen.
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Entstehung in der frühen Kindheit
- Psychologisch wird DIS als Folge massiver, wiederholter Traumatisierung verstanden – meist in einem Alter, in dem das Kind noch keine durchgehende Identität entwickelt hat.
- Extreme Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung oder emotionale Kälte führen dazu, dass das Kind die Realität nicht integrieren kann.
- Stattdessen entstehen „dissoziative Abspaltungen“: Einzelne Gefühlszustände, Erinnerungen und Verhaltensmuster werden isoliert und in eigenständigen Persönlichkeitsanteilen gebündelt.
- Zentral ist das Fehlen von sicheren Bezugspersonen. Hätte das Kind Trost und Bindung, würde es Traumata besser verarbeiten. Fehlt das, bleibt nur Abspaltung als Überlebenstechnik.
Psychodynamik: Das Innenleben in Teilen
Aus psychodynamischer Sicht ist die Dissoziative Identitätsstörung kein „Rollenspiel“ und auch keine bewusste Erfindung, sondern Ausdruck einer zersplitterten Ich-Struktur. Das, was bei anderen Menschen ein zusammenhängendes Selbstgefühl bildet, ist hier in verschiedene Persönlichkeitsanteile zerlegt, die unterschiedliche Funktionen erfüllen.- Alltags-Ichs (ANP – Apparently Normal Parts): Diese Anteile übernehmen Schule, Arbeit, Organisation und wirken nach außen „normal“. Sie wollen Distanz zum Trauma halten und funktionieren im Alltag, oft ohne Kenntnis der traumatischen Erlebnisse.
- Trauma-Anteile (EP – Emotional Parts): Diese tragen die Last der Vergangenheit – Erinnerungen, Gefühle von Angst, Schmerz, Wut oder Hilflosigkeit. Sie treten meist in Form von Flashbacks oder Krisen hervor. Untergruppen sind etwa die ängstlichen Anteile (EPf), die Panik und Ohnmacht speichern, sowie die kontrollierenden Anteile (EPc), die mit Aggression, Strenge oder Täterintrojekten auftreten.
- Kinderanteile: Viele Systeme enthalten jüngere Persönlichkeitszustände, die in ihrer emotionalen und kognitiven Entwicklung stehengeblieben sind.
- Angreifer-Introjekte: Verinnerlichte Täterfiguren, die oft in die Gruppe der kontrollierenden EPs fallen, und die innerlich Angst und Druck aufrechterhalten.
Typische Symptome aus psychologischer Sicht
Amnesien und Erinnerungslücken:
Betroffene wissen oft nicht, was sie in bestimmten Zeiträumen getan haben.
Wechsel zwischen Anteilen:
Unterschiedliche Stimmungen, Verhaltensweisen oder sogar Handschriften treten auf.
Depersonalisation und Derealisation:
Gefühle, nicht im eigenen Körper zu sein oder dass die Welt unwirklich wirkt.
Starke innere Konflikte:
Manche Anteile wollen Nähe, andere fliehen davor. Manche wollen leben, andere nicht.
Begleiterkrankungen:
Depression, Angststörungen, Sucht, Borderline-Symptome sind häufig.
Psychologische Folgen für das Selbstbild
- Aus psychologischer Sicht ist DIS eine Störung der Identität und Kohärenz.
- Das „Ich“ ist nicht als stabile Einheit erlebbar.
- Betroffene empfinden ihr Selbst als „zersplittert“, „leer“ oder „nicht zusammenhängend“.
- Scham und Selbstzweifel sind groß: „Ich bilde mir das nur ein“, „Ich bin verrückt.“
- Viele erleben eine innere Unsicherheit, wer sie eigentlich sind – was Identität in einem tiefen Sinn erschüttert.
Beziehungsgestaltung und Bindung
Ein Kernproblem aus psychologischer Sicht ist die Bindungsdynamik. DIS-Betroffene haben oft:
- Angst vor Nähe (weil Nähe in der Kindheit gefährlich war).
- Angst vor Verlassenwerden (weil Vernachlässigung existenziell bedrohlich war).
- Ambivalenz: Manche Anteile suchen Beziehung, andere zerstören sie.
Psychologische Theorien zu DIS
Mehrere Modelle versuchen, DIS zu erklären. z.B.
Strukturdissoziationsmodell (Nijenhuis, Van der Hart, Steele):
DIS entsteht durch eine „Strukturdissoziation der Persönlichkeit“ in Alltags-Ichs (ANP) und Trauma-Anteile (EP).Bindungstheorie (Bowlby):
Fehlende sichere Bindung plus Trauma → Zerstörung des „inneren Arbeitsmodells“ von Sicherheit.Traumapsychologie:
DIS ist eine ultimative Form des Vermeidungsverhaltens – das Gehirn schützt sich durch Abspaltung.Psychodynamische Ansätze:
DIS ist ein unbewusster Abwehrmechanismus – Abspaltung, um unerträgliche Affekte nicht fühlen zu müssen.Therapie aus psychologischer Sicht
Das Ziel der Psychotherapie bei DIS ist Integration und Kooperation.
- Stabilisierung: Zuerst Sicherheit schaffen, Alltag stabilisieren, Krisen reduzieren.
- Traumabearbeitung: Traumatische Erinnerungen vorsichtig verarbeiten – ohne Überflutung.
- Integration: Nicht zwingend Verschmelzung aller Anteile, sondern ein kooperatives, gemeinsames Innenleben.
- Beziehungsarbeit: Therapeutische Beziehung als Modell für Vertrauen und Sicherheit.
Die Dissoziative Identitätsstörung ist aus psychologischer Sicht eine Überlebensleistung der Psyche. Sie schützt das Kind vor dem psychischen Zerbrechen, indem sie das Unerträgliche auf verschiedene Anteile verteilt. Im Erwachsenenleben aber führt genau diese Schutzleistung zu massiven Problemen: Identitätsstörung, Erinnerungslücken, innere Konflikte, Beziehungsabbrüche.
Psychologisch zeigt sich DIS damit als Störung der Integration: Gedanken, Gefühle, Erinnerungen und Selbstwahrnehmungen bleiben voneinander abgespalten. Die Herausforderung in Therapie und Alltag besteht darin, diese Abspaltungen nicht zu verurteilen, sondern langsam in ein kooperatives Miteinander zu überführen.
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