DIS und Körperwahrnehmung – warum Hunger, Durst oder Schmerz oft nicht richtig gespürt werden

Viele Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) berichten, dass sie ihren Körper nur eingeschränkt oder verzerrt wahrnehmen. Signale wie Hunger, Durst, Müdigkeit, Harndrang oder sogar Schmerzen kommen oft zu spät, zu schwach oder manchmal gar nicht an. Das kann im Alltag zu großen Schwierigkeiten führen – etwa wenn Mahlzeiten vergessen werden, Verletzungen unbemerkt bleiben oder Erschöpfung erst dann spürbar wird, wenn der Körper längst am Limit ist.

Doch warum ist das so? Und was steckt hinter dieser gestörten Körperwahrnehmung?

Trauma und Abspaltung


DIS entsteht in der Regel durch frühe, schwere Traumatisierungen. Um das Überleben zu sichern, spaltet die Psyche Erlebnisse und auch Körperempfindungen ab. Gefühle wie Hunger, Schmerz oder Durst konnten damals gefährlich sein – etwa weil sie nicht gestillt wurden oder sogar bestraft wurden, wenn ein Kind sie zeigte. Die Folge: Der Körper lernt, diese Signale herunterzufahren oder gar nicht mehr wahrzunehmen.

Anteile mit unterschiedlichem Körperzugang

  • In einem DIS-System haben nicht alle Anteile denselben Zugang zu Körperempfindungen.
  • Manche sind sehr körpernah und spüren sofort, wenn etwas nicht stimmt.
  • Andere leben fast völlig losgelöst vom Körper – wie „neben“ ihm.
  • Wieder andere übernehmen nur in bestimmten Situationen (z. B. bei Gefahr oder Überforderung) und achten dabei nicht auf Hunger oder Durst.
  • So kann es passieren, dass ein Anteil vorne ist,  der schlicht keine Verbindung zu diesen Signalen hat.

Dissoziation als Filter

Dissoziation wirkt wie ein Dämpfer. Um nicht mit überwältigenden Gefühlen überflutet zu werden, blendet das Nervensystem viele Körperreize aus. Das schützt kurzfristig, führt aber langfristig dazu, dass die innere Landkarte des Körpers unscharf wird.


Folgen im Alltag

  • Mahlzeiten werden ausgelassen oder erst bemerkt, wenn Kreislaufprobleme auftreten.
  • Trinken wird vergessen, bis Kopfschmerzen oder Schwindel auftreten.
  • Schmerzen werden kaum wahrgenommen, wodurch Verletzungen unbemerkt bleiben.
  • Müdigkeit wird ignoriert, bis der Körper zusammenbricht.
  • Harndrang wird übergangen, bis er sich in plötzlich starkem Drang, Unfällen oder sogar Blasenproblemen äußert.
Diese Muster sind nicht harmlos. Sie können den Körper langfristig belasten und stellen ein ernstes Risiko für die Gesundheit dar.
Diese Muster können gefährlich sein und zusätzlich Stress im System auslösen.


Wege zur besseren Körperwahrnehmung

Eine gestörte Wahrnehmung lässt sich nicht von heute auf morgen ändern. Aber kleine, wiederholte Schritte können helfen:

Feste Routinen

zu bestimmten Uhrzeiten essen und trinken, unabhängig vom Hungergefühl.

Erinnerungen stellen

Handywecker, Apps oder Post-its als Hinweis.

Körperübungen

sanfte Bewegung, Atemübungen oder bewusstes Spüren einzelner Körperteile.

Protokolle führen

aufschreiben, wann gegessen, getrunken oder geschlafen wurde.

Therapeutische Begleitung

behutsam lernen, innere Signale wieder zu erkennen und einzuordnen.

Die eingeschränkte Körperwahrnehmung bei DIS ist kein „Fehler“, sondern eine Folge von Schutzmechanismen, die einmal überlebenswichtig waren. Heute jedoch erschweren sie den Alltag. 



Mit Geduld, Unterstützung und kleinen Schritten 

lässt sich nach und nach ein besseres Gespür für den eigenen Körper entwickeln 

– und damit auch mehr Sicherheit und Lebensqualität gewinnen.

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