DIS und die natürliche Angst vor Trauma-Erinnerungen
Für viele Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) ist die Vorstellung, dass traumatische Erinnerungen hochkommen, fast unerträglich. Das liegt daran, dass Erinnerungen an Gewalt oder Missbrauch nicht wie normale Erlebnisse abgespeichert sind. Sie liegen oft in einzelnen Anteilen, fragmentiert, als Körpergefühl, Bild oder plötzliche Emotion.
Wenn ein Trigger sie berührt, fühlt es sich nicht an wie „eine Erinnerung“, sondern wie ein erneutes Durchleben. Das Gehirn reagiert mit Panik: Herzrasen, Erstarrung, Schmerzen, Bilderfluten. So entsteht das Gefühl: „Es passiert wieder.“
Wie sich die Angst zeigen kann
Innere Warnungen: Anteile drohen oder verbieten, sich zu erinnern.
Körperreaktionen: Schweiß, Zittern, Übelkeit, Schmerz.
Flashbacks: Bilder oder Szenen, die plötzlich auftauchen.
Wechsel: Andere Anteile übernehmen, um Konfrontation zu vermeiden.
Vermeidung: Leere im Kopf, Lücken im Gedächtnis.
Warum diese Angst Sinn macht
Die Angst ist kein Fehler, sondern ein Schutzmechanismus. In der Kindheit war es oft überlebenswichtig, nicht zu viel zu wissen. Das System hat gelernt: Erinnerungen sind gefährlich. Die Angst bewahrt also vor Überforderung – und hat vielleicht sogar das Leben gerettet. Heute aber verhindert sie, dass Heilung möglich wird.
Schwierigkeiten im Alltag
- Therapie bleibt stecken, wenn Anteile keinen Zugang erlauben.
- Schon kleine Reize (ein Geruch, ein Satz) können Panik auslösen.
- Betroffene fühlen sich dem Erinnerungschaos ausgeliefert.
- Beziehungen werden belastet, weil Rückzug oder plötzliche Überreaktionen auftreten.
Wege im Umgang mit der Angst
1. Stabilität vor Erinnerung
Bevor man sich Erinnerungen nähert, braucht es Sicherheit: klare Tagesstruktur, innere Absprachen, ein erwachsenes Selbst, das führen kann.
2. Realitätsanker
Sätze wie: „Es ist 2025. Ich bin erwachsen. Das war damals, heute bin ich sicher.“
Dazu bewusste Wahrnehmung: 5 Dinge sehen, 4 hören, 3 fühlen.
3. Selbstführung
Das erwachsene Selbst spricht beruhigend:
„Ich sehe die Angst. Aber heute bestimme ich. Wir machen kleine Schritte.“
4. Sichere innere Orte
Manche Erinnerungen dürfen in einem „inneren Tresor“ oder Zimmer bleiben, bis das System bereit ist. So sind sie nicht weg, aber auch nicht überwältigend.
5. Dosierte Annäherung
Nicht alles auf einmal. Vielleicht nur ein Bild, ein Gefühl, ein Wort. Und nur so lange, wie es stabil möglich ist.
6. Rituale der Verlässlichkeit
Morgens ein innerer Check-in („Wer ist da?“), abends eine beruhigende Geste („Gute Nacht an alle“). Rituale zeigen den Anteilen: Es gibt Kontinuität und Schutz.
7. Begleitung von außen
Eine traumasensible Therapeut*in kann helfen, den Prozess zu steuern, damit keine Überflutung entsteht. Auch eine vertraute Person kann Sicherheit geben.
Die Angst vor Trauma-Erinnerungen ist nicht Schwäche, sondern ein Hinweis: Das System schützt sich noch. Mit Zeit, Sicherheit und sanften Schritten kann es lernen: Erinnerungen sind Vergangenheit. Sie sind schlimm, aber sie sind vorbei. Heilung bedeutet nicht, alles sofort zu wissen, sondern nach und nach einen Umgang zu finden, der Stabilität und innere Sicherheit ermöglicht.