DIS in Zahlen und Fakten

Was ist bedeutet "DIS"?


Die Dissoziative Identitätsstörung (DIS) ist eine komplexe Traumafolgestörung. Sie entsteht fast immer in der frühen Kindheit, wenn ein Kind extrem belastenden Situationen – meist schwerer und wiederholter Gewalt – schutzlos ausgeliefert ist. Um seelisch überleben zu können, spaltet das Kind verschiedene „Anteile“ ab. Diese übernehmen jeweils bestimmte Erinnerungen, Gefühle oder Aufgaben.


Klassifikation in Diagnosesystemen

DSM-5 (2013, USA)

Die Dissoziative Identitätsstörung (300.14) wird beschrieben als:

Zwei oder mehr unterscheidbare Persönlichkeitszustände oder Identitäten, die wiederholt die Kontrolle über Verhalten, Wahrnehmung und Bewusstsein übernehmen.
Wiederkehrende Erinnerungslücken, die nicht durch normales Vergessen erklärbar sind.
Symptome verursachen klinisch bedeutsames Leiden oder Beeinträchtigungen im Alltag.
Die Störung ist nicht Folge von Substanzen oder einer anderen medizinischen Erkrankung.
Wichtig: Im DSM-5 wird betont, dass die Identitätszustände sehr unterschiedlich erscheinen können – von klar ausgeprägt bis subtil (z. B. innere Stimmen, abrupte Stimmungswechsel).

ICD-10 (Deutschland, gültig bis 2022)

Klassifikation: F44.81 – Dissoziative Identitätsstörung.
Definition: „Eine Störung, bei der zwei oder mehr Persönlichkeitszustände abwechselnd die Kontrolle über das Verhalten übernehmen, verbunden mit Amnesien.“

ICD-11 (weltweit gültig seit 2022)

Klassifikation: 6B64 – Dissociative identity disorder.
Definition: „Das Vorhandensein von zwei oder mehr unterscheidbaren Identitätszuständen, die wiederholt die Kontrolle über das Verhalten übernehmen, zusammen mit deutlichen Amnesien, die über normales Vergessen hinausgehen.“
Neu: Es wird zusätzlich die Kategorie „Partielle DIS“ eingeführt – wenn es deutliche dissoziative Zustände gibt, aber nicht alle Kriterien erfüllt sind.


Geschichte der Diagnose

  • 1950–1980: Begriff „Multiple Persönlichkeit“ (engl. Multiple Personality Disorder, MPD) war üblich. Fälle wurden oft spektakulär in Medien dargestellt (z. B. „Sybil“ in den USA).
  • 1994: Mit dem DSM-IV wurde der Begriff offiziell geändert in Dissoziative Identitätsstörung (DID/DIS). Grund: nicht „viele Persönlichkeiten“ entstehen, sondern eine Zersplitterung einer ursprünglich einheitlichen Identität durch Trauma.
  • Heute: Internationale Klassifikationen (DSM-5, ICD-11) sprechen nur noch von DIS/DID. Der alte Begriff „Multiple Persönlichkeit“ gilt als überholt und irreführend.


Wie häufig kommt DIS vor?

Die Häufigkeit wird in Studien unterschiedlich angegeben, weil Diagnosekriterien und Erhebungsmethoden variieren. Dennoch ergibt sich ein klares Bild:
Allgemeinbevölkerung: etwa 1–3 %.
Das bedeutet: DIS ist nicht selten. In einer Stadt mit 100.000 Einwohner*innen leben schätzungsweise 1.000 bis 3.000 Betroffene.
Psychiatrische Kliniken: 5–10 % der Patient*innen.
Spezialisierte Traumakliniken: bis zu 20 % der aufgenommenen Menschen.


Wer ist betroffen?

Geschlecht: Etwa 70–80 % der diagnostizierten Fälle betreffen Frauen. Männer sind jedoch vermutlich untererfasst, da sie häufiger Sucht oder Aggression als Hauptsymptom zeigen.
Alter: DIS entsteht fast immer vor dem 6. Lebensjahr. Die Diagnose wird aber oft erst zwischen 30 und 40 Jahren gestellt.
Ursache: Über 90 % der Betroffenen berichten von schwerem sexuellen, körperlichen oder emotionalen Missbrauch in der Kindheit.


Diagnose und Erkennung

  • Fehldiagnosen: Häufig werden zuerst Depression, Borderline, Schizophrenie oder Angststörungen diagnostiziert.
  • Dauer bis zur richtigen Diagnose: Im Schnitt vergehen 7 bis 12 Jahre, bis die DIS erkannt wird.
  • Unsichtbarkeit: Viele Betroffene wirken im Alltag unauffällig. Dissoziationen und Amnesien bleiben für Außenstehende oft verborgen.


Gesellschaftliche Dimension

Dunkelziffer: Es ist davon auszugehen, dass viele Betroffene nie erfasst werden – aus Angst vor Stigmatisierung, wegen fehlender Diagnostik oder fehlender Hilfsangebote.

Therapiebedarf:

Nur ein Bruchteil erhält Zugang zu spezialisierter Traumatherapie.

Folgen für Betroffene

Symptome: Amnesien, innere Stimmen, Flashbacks, starke innere Konflikte.
Begleiterkrankungen: Depression, Angststörungen, Essstörungen, Suchtprobleme treten häufig zusätzlich auf.
Alltag: Partnerschaften, Arbeit und soziale Kontakte sind oft instabil und von den Symptomen geprägt.

Prognose

Stabilisierung: Mit Therapie können Betroffene lernen, Anteile zu koordinieren, Amnesien zu reduzieren und sicherer im Alltag zu werden.
Integration: Vollständige „Fusion“ aller Anteile ist selten das Ziel – wichtiger ist die Kooperation im Inneren.
Heilungschance: Studien zeigen, dass sich die Symptomlast bei kontinuierlicher Traumatherapie deutlich verringern lässt.


Zahlen im Alltag verständlich gemacht

  • In einer Schulklasse mit 30 Kindern könnte rein statistisch mindestens ein Kind betroffen sein.
  • In einer Stadt mit 100.000 Einwohner*innen leben etwa 1.000 bis 3.000 Menschen mit DIS.
  • In einer psychiatrischen Klinik mit 200 Patient*innen hätten statistisch 10 bis 20 eine DIS – viele davon unerkannt.

Diese Angaben zeigen: DIS ist keine Seltenheit, sondern eine häufige, aber oft übersehene Traumafolge.

Hinter jeder Zahl stehen Menschen mit echten Lebensgeschichten.

Je mehr Wissen in Fachwelt und Gesellschaft vorhanden ist, desto eher können Betroffene erkannt, verstanden und unterstützt werden.


Quellen und Literatur

ICD-10: Weltgesundheitsorganisation (WHO). Internationale Klassifikation psychischer Störungen, Kapitel F44.81.
ICD-11: World Health Organization (2019). International Classification of Diseases 11th Revision (ICD-11): 6B64 Dissociative identity disorder.
DSM-5: American Psychiatric Association (2013). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (5th ed.).
Häufigkeit / Epidemiologie:
Sar, V. (2011). Epidemiology of dissociative disorders: An overview. Epidemiology Research International, 2011.
Ross, C. A., et al. (1991). Dissociative identity disorder: An analysis of 236 cases. Canadian Journal of Psychiatry, 36(10), 534–539.
Foote, B., Smolin, Y., Kaplan, M., Legatt, M. E., & Lipschitz, D. (2006). Prevalence of dissociative disorders in psychiatric outpatients. American Journal of Psychiatry, 163(4), 623–629.
Kindheitstrauma als Ursache:
Dorahy, M. J., Brand, B. L., Sar, V., Krüger, C., Stavropoulos, P., Martínez-Taboas, A., Lewis-Fernández, R., & Middleton, W. (2014). Dissociative identity disorder: An empirical overview. Australian & New Zealand Journal of Psychiatry, 48(5), 402–417.
van der Hart, O., Nijenhuis, E. R., & Steele, K. (2006). The Haunted Self: Structural Dissociation and the Treatment of Chronic Traumatization. New York: Norton.
Diagnosedauer / Fehldiagnosen:
Brand, B. L., et al. (2009). A survey of 2,708 clinicians’ experiences with dissociative identity disorder. Psychological Trauma: Theory, Research, Practice, and Policy, 1(2), 153–167.
Dell, P. F. (2006). A new model of dissociative identity disorder. Psychiatric Clinics of North America, 29(1), 1–26.
Geschichte („Multiple Persönlichkeit“):
Putnam, F. W. (1989). Diagnosis and Treatment of Multiple Personality Disorder. New York: Guilford Press.
Ellenberger, H. (1970). The Discovery of the Unconscious. Basic Books.




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