Die Entstehung von DIS aus Sicht der Entwicklungspsychologie

Die Dissoziative Identitätsstörung (DIS) ist keine „plötzliche Krankheit“, sondern die Folge einer Entwicklung, die früh im Leben geprägt wird. Um zu verstehen, warum sich eine DIS bildet, hilft der Blick auf die Kindheit und die Entwicklung der Psyche.


1. Frühe Kindheit: Noch kein stabiles „Ich“

Babys und Kleinkinder haben noch keine feste Persönlichkeit. Identität, Gedächtnis und Selbstgefühl entstehen erst Schritt für Schritt. In dieser Zeit ist das Kind völlig abhängig von Bindungspersonen. Es braucht Schutz, Zuwendung und Regulation von außen.

Wenn hier schwere Belastungen auftreten – Gewalt, Vernachlässigung, sexueller Missbrauch oder ständige Bedrohung –, ist das Nervensystem überfordert. Das Kind kann die Erlebnisse nicht einordnen.


2. Dissoziation als Schutzstrategie

Weil das Kind die Gewalt oder die Vernachlässigung  nicht stoppen und die Gefühle nicht verarbeiten kann, spaltet es sie ab. Teile der Erfahrung werden „weggelegt“ – in Form von dissoziierten Anteilen. Diese Anteile speichern Gefühle, Körperempfindungen oder Erinnerungen, die das Kind im Alltag nicht aushalten könnte.

So bleibt ein Teil des Kindes „funktional“ (geht in den Kindergarten, spielt, lacht), während andere Teile den Schmerz tragen.


3. Störung der Integrationsprozesse

Normalerweise wachsen Erinnerungen, Gefühle und Selbstbilder zusammen – sie werden zu einem einheitlichen „Ich“. Bei traumatisierten Kindern passiert das nicht:

  • Erlebnisse sind zu überwältigend, um integriert zu werden.
  • Stattdessen entstehen verschiedene Selbstzustände, die nebeneinander existieren.
  • Diese bleiben oft zeitlich, emotional oder inhaltlich getrennt.
  • Die Entwicklungspsychologie spricht hier von einer gestörten Integration der Persönlichkeit.


4. Rolle der Bindung

Ein entscheidender Faktor ist die Bindung:

  • Sichere Bindung → Kind fühlt sich geschützt, Stress wird reguliert.
  • Unsichere oder traumatische Bindung → Kind bleibt mit Angst und Überforderung allein.

Gerade wenn die Täter Personen sind, von denen das Kind eigentlich Schutz erwartet (Eltern, enge Bezugspersonen), entsteht ein unlösbarer Konflikt: „Ich brauche dich, aber du bist zugleich gefährlich.“  Die Spaltung verstärkt sich.


5. Zeitfenster der Entstehung

Entwicklungspsychologisch geht man davon aus, dass DIS vor allem in den ersten 6–9 Lebensjahren entsteht – also in der Zeit, in der sich Gedächtnis, Selbstkonzept und Bindung entwickeln. Nach diesem Fenster ist das Gehirn stabiler, sodass sich eher andere Traumafolgestörungen entwickeln (z. B. PTBS, komplexe PTBS).


Aus Sicht der Entwicklungspsychologie ist DIS das Ergebnis einer Überlebensstrategie in der Kindheit:

Das kindliche Gehirn kann extreme Belastungen nicht integrieren.

Es spaltet Erlebnisse in verschiedene Selbstzustände auf.

Fehlende sichere Bindung verhindert, dass diese Zustände zusammenwachsen.


So entsteht eine Struktur, die später als Dissoziative Identitätsstörung sichtbar wird. Nicht aus Schwäche, sondern als kluge Anpassung, die in einer lebensbedrohlichen Situation das Überleben gesichert hat.

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