DIS und Schwerbehinderung

Die Dissoziative Identitätsstörung (DIS) ist eine der schwersten psychischen Traumafolgestörungen. Sie entsteht in der frühen Kindheit als Überlebensstrategie unter massiver, langanhaltender Gewalt oder Vernachlässigung. Für Betroffene bedeutet das: Das eigene Ich ist nicht durchgehend erlebbar, sondern in verschiedene „Anteile“ aufgespalten, die jeweils Erinnerungen, Gefühle und Wahrnehmungen tragen.

Viele Menschen mit DIS leiden im Alltag unter hohen Einschränkungen: Amnesien, innere Konflikte, Selbstverletzungen, Flashbacks, Ängste, Probleme in Beziehungen oder im Berufsleben. Die Diagnose alleine bedeutet noch keine Schwerbehinderung – entscheidend ist die tatsächliche Funktionsbeeinträchtigung.

1. Medizinischer Hintergrund

ICD-10: F44.81 „Multiple Persönlichkeitsstörung“
ICD-11: 6B64 „Dissoziative Identitätsstörung“

Typische Symptome:
  • Wechsel zwischen verschiedenen Identitätszuständen
  • Erinnerungslücken, Zeitverlust
  • Gefühle der Entfremdung vom Körper oder von der Realität
  • eingeschränkte Steuerungsfähigkeit im Alltag
  • häufige Begleiterkrankungen: Depression, Angststörungen, PTBS, Somatisierungen
Das bedeutet: DIS wirkt sich meist komplex und tiefgreifend auf die Lebensgestaltung aus – also auf Arbeit, soziale Kontakte, Selbstversorgung und psychische Stabilität.


2. Rechtlicher Rahmen – Schwerbehinderung

Nach deutschem Recht gilt:
Schwerbehindert ist, wer einen Grad der Behinderung (GdB) von mindestens 50 hat (§ 2 Abs. 2 SGB IX). Die Feststellung erfolgt durch das Versorgungsamt oder Landesamt für Soziales. Grundlage sind die Versorgungsmedizinischen Grundsätze (VMG).
Wichtig: Es geht nicht um die Diagnose, sondern um die Auswirkungen auf das Leben.


3. Bewertung psychischer Erkrankungen nach VMG

In den VMG heißt es (Kapitel 3.7):
Leichte psychische Störungen
→ GdB 0–20 (z. B. leichte Anpassungsstörung, keine dauerhaften Einschränkungen)
Mittelgradige Störungen mit deutlichen sozialen Anpassungsschwierigkeiten
→ GdB 30–40
Schwere Störungen mit wesentlicher Einschränkung der Erlebnis- und Gestaltungsfähigkeit
→ GdB 50–70
Schwerste Störungen mit tiefgreifender Desintegration
→ GdB 80–100

Bei einer ausgeprägten DIS mit deutlichen Alltagsproblemen ist die Einstufung ab GdB 50 realistisch. Viele Betroffene erhalten sogar höhere Werte, je nach Einschränkungen.


4. Was bedeutet Schwerbehinderung praktisch?

Ein anerkannter GdB von 50 oder mehr bringt verschiedene Nachteilsausgleiche:
  • Schwerbehindertenausweis (oft 5 Jahre gültig, verlängerbar)
  • Kündigungsschutz im Arbeitsverhältnis
  • Zusatzurlaub (5 Tage/Jahr bei Vollzeit)
  • Steuerfreibeträge (abhängig vom GdB, ab 3840 € bei GdB 100)
  • Vorrang bei Reha-Maßnahmen
  • Hilfen durch das Integrationsamt
  • ggf. Merkzeichen (z. B. B für Begleitperson, H für Hilflosigkeit, G für Gehbehinderung – bei rein psychischen Erkrankungen aber nicht automatisch).

5. Antragstellung

Der Antrag erfolgt beim zuständigen Versorgungsamt / Sozialamt des Bundeslandes.

Notwendig:
  • Ärztliche Gutachten (Facharzt, Klinikberichte, Therapieberichte)
  • konkrete Schilderung der Einschränkungen im Alltag (Arbeitsfähigkeit, Selbstversorgung, soziale Teilhabe, Krisen, Klinikaufenthalte).
  • Das Amt holt Berichte von den behandelnden Ärzten ein.
  • Bei unklarer Lage kann ein medizinisches Gutachten angeordnet werden.

Tipp: Nicht nur die Diagnose einreichen, sondern Alltagseinschränkungen konkret beschreiben:

Dissoziative Wegtritte

Plötzliches „Wegsein“ mitten im Gespräch oder in Situationen, ohne Kontrolle.

Orientierungslosigkeit

Nicht wissen, wie man an Orte kam oder wie man zurückkommt.

Arbeitsunfähigkeit / instabile Belastung

Unmöglichkeit, regelmäßig zu arbeiten oder gleichbleibende Leistung zu erbringen.

Soziale Konflikte

Wechselndes Verhalten durch Anteile führt zu Missverständnissen, Kontaktabbrüchen, Isolation.

Selbstversorgung

Unregelmäßiges Essen, Hygieneprobleme, fehlende Struktur im Haushalt.

Krisenanfälligkeit

Flashbacks, Panikattacken, starke Triggerreaktionen im Alltag.

Selbstverletzendes Verhalten / Risiko-Handlungen

Anteile verletzen den Körper oder gehen Gefahren ein.

Innere Konflikte zwischen Anteilen

Gegensätzliche Handlungen, Entscheidungsunfähigkeit, innere Lähmung.

Alltagssicherheit

Offene Türen, eingeschaltete Geräte, vergessene Herdplatten, Brand- oder Unfallgefahr.

Finanzen / Verwaltung

Schwierigkeiten mit Behörden, Fristen, Rechnungen → Gefahr von Schulden oder Sanktionen.

Therapie- und Arzttermine

Abbrüche, Nichterscheinen, Angst vor Nähe → Versorgungslücken.

Unzuverlässigkeit durch Zustandswechsel

Absprachen und Termine werden vergessen oder von anderen Anteilen nicht eingehalten.

Gesellschaftliche Teilhabe eingeschränkt

Angst, Überforderung, Rückzug → kaum Teilnahme an Gruppen, Vereinen, Kultur.

Reizüberflutung

Normale Umgebungen (Supermarkt, Verkehr, Wartezimmer) führen zu Zusammenbruch oder Dissoziation.

Schlafstörungen

Häufige Albträume, wechselnde Anteile in der Nacht, Schlaflosigkeit → starke Erschöpfung.

Körperwahrnehmungsstörungen

Gefühl, den Körper nicht zu spüren oder nicht zugehörig zu sein → Probleme bei Selbstfürsorge.

Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme

Gelesenes wird sofort vergessen, Gespräche können nicht verfolgt werden.

Ständige innere Anspannung

Hypervigilanz, innerer Alarmzustand, kaum Momente von Entspannung oder Sicherheit.

Suizidalität / häufige Klinikaufenthalte

Akute Krisen, Selbstgefährdung, regelmäßige stationäre Aufenthalte, instabile Lebensführung.


6. Typische Hürden

Viele Betroffene schildern, dass die Ämter psychische Erkrankungen manchmal niedriger bewerten als körperliche.

Deshalb ist eine gute Dokumentation entscheidend:
  • Klinikberichte, in denen Diagnosen und Einschränkungen klar benannt sind.
  • Unterstützung durch Therapeuten oder Ärzte, die die Schwere der Symptome bestätigen.
  • Ein Widerspruch ist möglich, wenn der Bescheid zu niedrig ausfällt.


7. Fazit

Eine DIS kann als Schwerbehinderung anerkannt werden, wenn sie zu erheblichen Einschränkungen der Erlebnis- und Gestaltungsfähigkeit führt. Viele Menschen mit DIS erreichen einen GdB von 50 oder mehr.

Der Schlüssel liegt nicht allein in der Diagnose, sondern darin, die konkreten Alltagseinschränkungen zu belegen und zu schildern.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Unterschiede und Gemeinsamkeiten: DIS, Borderline, PTBS und KPTBS

Beziehungsaus bei DIS – warum Trennungen so schwer und so schmerzhaft sind

Impressum