Der sicherer Ort im Außen - Schutzräume im Alltag
Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstruktur (DIS) leben mit vielen inneren Stimmen, Zeiten und Räumen. Manche Anteile tragen schwere Erinnerungen, andere sorgen für den Alltag, wieder andere sind verletzlich und sehnen sich nach Schutz.
Wenn Trigger, Überflutung oder innere Kämpfe drohen, kann ein sicherer Ort im Außen – ein realer Platz, der durch seine Gestaltung, Atmosphäre und Wiederholung Ruhe und Geborgenheit schenkt.
Im Unterschied zum inneren sicheren Ort (Imagination) ist der sicherer Ort im Außen ein konkreter Ort im Außen, der mit allen Sinnen wahrnehmbar ist. Gerade für Systeme, die leicht den Bezug zur Realität verlieren oder deren innere Orte unsicher wirken, kann der sichere Ort im Außen eine entscheidende Brücke sein: er verbindet innere Stabilisierung mit äußerer Wirklichkeit.
Warum ein sicherer Ort im Außen wichtig ist
Ein äußerer sicherer Ort erfüllt mehrere Funktionen:
Kontrolle über die Umgebung
Dort entscheidet ausschließlich die betroffene Person, wer Zutritt hat.
Türen, Schlösser, klare Regeln geben ein greifbares Gefühl von Sicherheit.
Für Anteile, die Kontrollverlust erlebt haben, ist das ein starkes Gegengewicht.
Struktur und Wiederholung
Ein äußerer sicherer Ort ist wiedererkennbar.
Das Nervensystem lernt: „Wenn ich hier bin, ist Ruhe.“
Wiederkehrende Rituale (Kerze, Tee, Musik) verankern das Gefühl zusätzlich.
Beruhigung des Nervensystems
Positive Sinneseindrücke (Licht, Düfte, Geräusche, Texturen) aktivieren die „Entspannungsantwort“ im Körper.
Herzschlag, Atmung und Muskeltonus normalisieren sich.
Innere Anteile können lernen, dass Sicherheit nicht nur ein Konzept, sondern real spürbar ist.
Signal für das System
Der äußere Ort markiert: „Hier beginnt der Schutzraum.“
Selbst kämpferische oder misstrauische Anteile können lernen, hier zur Ruhe zu kommen.
Mit der Zeit wird der äußere sichere Ort zu einem gemeinsamen Bezugspunkt im Innen und Außen.
Wie ein sicherer Ort im Außen aussehen kann
Der äußere Ort ist so individuell wie jedes System. Entscheidend ist nicht Schönheit, sondern Wirkung: Fühle ich mich sicher?
Naturorte
Eine abgelegene Waldlichtung, geschützt durch Bäume.
Eine Bank am Fluss, wo Wasser stetig vorbeifließt.
Ein Garten mit selbstgepflanzten Blumen oder Kräutern.
Ein Bergweg mit weiter Aussicht – Symbol für Überblick.
Wohnräume
Ein fest eingerichteter Sessel mit Decke, Lampe und Büchern.
Ein separates Zimmer, das ausschließlich der Erholung dient.
Eine Kuschelecke auf dem Boden, mit Kissen und vertrauten Gegenständen.
Ein Bad mit warmem Wasser, Düften oder Lichtern.
Orte mit Schutzmechanismen
Türschloss oder Riegel: Nur ich öffne.
Verdunkelnde Vorhänge, Rollläden, Sichtschutz.
Kleine Symbole von Sicherheit (z. B. Traumfänger, Schutzstein, Bild).
Sicherheitsroutinen wie „abschließen, Musik an, Decke holen“.
Begleiter und Helfer
Haustiere: Hund, Katze, Kaninchen – Wärme und Lebendigkeit.
Vertraute Gegenstände: Stofftier, Stein, Schmuckstück.
Musik oder Hörbuch, die Zuverlässigkeit vermittelt.
Fotos von sicheren Menschen oder Orten.
Anwendung im Alltag
Ein sicherer Ort im Außen ist am wirksamsten, wenn er bewusst genutzt wird:
Ritualisierte Ankunft
Türe schließen, Licht an, Kerze entzünden.
Ein festes Ankommensritual signalisiert sofort: Hier ist Schutz.
Sinneswahrnehmung aktivieren
Sehen: Farben, Licht, vertraute Symbole.
Hören: Musik, Stille, Naturgeräusche.
Fühlen: Decke, Boden, Texturen.
Riechen: Duftkerzen, Kräutertee, frische Luft.
Schmecken: Tee, Schokolade, Wasser.
Platz für Anteile schaffen
Kinderanteile können Stofftiere oder Malutensilien dort haben.
Erwachsene Anteile vielleicht ein Tagebuch, Laptop oder Leselampe.
So lernen alle: Dieser Ort gehört uns allen.
Notfall-Nutzung
In einer Krise bewusst sagen: „Ich gehe an meinen äußeren sicheren Ort.“
Schrittweise beruhigen: hinsetzen, atmen, Sinne orientieren.
Wenn möglich, Körperkontakt mit vertrautem Gegenstand oder Tier.
Der sicherer Ort im Außen als gemeinsamer Raum im System
Ein äußerer sicherer Ort kann auch eine Brücke zwischen Anteilen sein:
Gemeinsames Erleben
Alle Anteile wissen: Hier dürfen wir sein.
Getrennte Zonen
Jeder Anteil kann eine eigene Ecke haben (Kissen, Regal, Stuhl).
Kommunikation
Manche nutzen den Ort, um im Tagebuch Botschaften zu schreiben oder innere Gespräche zu führen.
Verlässlichkeit
Selbst wenn das Innere chaotisch ist – der äußere Ort bleibt stabil.
Grenzen und Stolpersteine
Es ist normal, wenn die Umsetzung nicht sofort gelingt:
Belastete Räume
Manche Wohnungen sind voller Trigger. Lösung: eine kleine Ecke neu gestalten, die frei ist von Erinnerungen.
Misstrauische Anteile
Manche Anteile erlauben keine Ruhe. Lösung: ihnen kleine Sicherheitsmechanismen geben (Schlösser, Wächterobjekte).
Einschränkungen im Außen
Nicht jeder hat ein eigenes Zimmer oder absolute Ruhe. Lösung: auch kleine Symbole reichen – eine Decke, eine Box, eine Bank im Park.
Verwechslung mit Vermeidung
Der sichere Ort im Außen ist nicht dazu da, das Leben dauerhaft zu meiden. Er ist ein Rückzugs- und Erholungsort, kein Ersatz für Therapie oder reale Schutzmaßnahmen.
ein wiederkehrender, realer Anker, der Struktur, Schutz und Geborgenheit schenkt.
Für Menschen mit DIS kann er Kontrolle zurückgeben, das Nervensystem beruhigen,
innere Kommunikation erleichtern, und Sicherheit im Alltag spürbar machen.
Er ersetzt keine Therapie und keine äußeren Schutzmaßnahmen – aber er ist ein Schritt, Sicherheit greifbar zu machen. Mit der Zeit kann er wachsen, sich verändern und zu einem wichtigen Anker werden, der sagt: Ich bin hier, ich habe einen Ort, an dem niemand mir etwas nimmt.