Anteile in der Vergangenheit verankert lassen oder sie an die Gegenwart gewöhnen?

Menschen mit Dissoziativer Identitätsstörung (DIS) erleben oft, dass bestimmte Anteile „in der Vergangenheit stecken bleiben“. Diese Anteile haben kein Gefühl für Zeit und handeln so, als sei das Trauma noch gegenwärtig. Die Frage ist: Soll man sie dort lassen – oder ihnen helfen, die Gegenwart kennenzulernen?


Warum Anteile in der Vergangenheit „stecken bleiben“

Traumatische Speicherung

Erinnerungen werden fragmentiert abgespeichert – ohne Zeitstempel.

Überlebensstrategie

Ein Teil bleibt „klein“ oder „im Trauma“, um die Erfahrung abzuspalten.

Innere Isolation

Ohne Kontakt zu erwachsenen Anteilen fehlen neue Erfahrungen.


Risiken, Anteile in der Vergangenheit zu belassen

  • Dauerhafte Belastung – Angst, Panik und Flashbacks bleiben bestehen.
  • Wiederholte Überflutung – alte Szenen brechen unkontrolliert ins Heute ein.
  • Stillstand – Heilung kommt nicht voran, weil ein Teil im Trauma verharrt.
  • Innere Spaltung verstärkt sich – der Abstand zwischen „damals“ und „heute“ bleibt groß.


Chancen, Anteile an die Gegenwart zu gewöhnen

  • Sicherheit vermitteln – Anteile lernen: „Heute ist es anders, wir sind sicher.“
  • Verbindung zu Ressourcen – erwachsene Anteile können Schutz und Fürsorge geben.
  • Integration fördern – Vergangenheit wird als „vergangen“ erkennbar.
  • Alltagsstabilität – weniger Trigger, weniger Amnesien, mehr Orientierung.


Psychologische Grundhaltung

Behutsamkeit

Ein Anteil darf nicht „gewaltsam“ ins Heute gezerrt werden.

Schrittweise Annäherung

Kleine Zeichen der Gegenwart (Kalender, Alter, sichere Umgebung) langsam zeigen.

Akzeptanz

Manche Anteile brauchen lange Zeit, bevor sie bereit sind, die Gegenwart anzunehmen.

Kooperation

Innere Absprachen: „Du darfst so bleiben, wie du bist – aber ich zeige dir, dass wir heute sicher sind.“


Therapeutische Sicht

  • Stabilisierung geht vor
  • Erst Sicherheit im Alltag schaffen, dann behutsam Vergangenheit einordnen.
  • Traumakonfrontation in Dosen
  • Erinnerungen bearbeiten – aber nur in einer verträglichen Dosierung.
  • Integration statt Auslöschung
  • Ziel ist nicht, Anteile zu „zwingen“, sondern ihnen Wahlmöglichkeiten zu geben.


Methoden, um Anteile an die Gegenwart zu gewöhnen

Kalender und Uhr zeigen

Mit Anteilen gemeinsam Datum und Uhrzeit anschauen.

Kleine Schritte: „Heute ist Dienstag, der 17. September 2025.“

Fotos aus der Gegenwart

Aktuelle Bilder von Zuhause, von nahestehenden Menschen oder vom eigenen Körper.

Sanft erklären: „So sehen wir heute aus, wir sind erwachsen.“

Routinen erklären

Tägliche Abläufe sichtbar machen (z. B. Morgenroutine, Abendritual).

Anteile spüren: Zeit vergeht und der Alltag hat Struktur.

Vergangenheit und Heute unterscheiden

Bewusst benennen: „Das war damals – heute ist es anders.“

Hilfreich: Unterschiedliche Orte, Kleidung oder Alltagsgegenstände als Zeichen der Gegenwart.

Körperliche Realität zeigen

Hände, Füße oder Spiegelbild anschauen: „Schau, wir sind groß, wir sind heute erwachsen.“

Der Körper wird zum Anker in der Gegenwart.

Sichere Personen vorstellen

Kontakte zu heutigen Bezugspersonen benennen: „Diese Menschen gibt es jetzt in unserem Leben.“

Dadurch lernen Anteile: Es gibt Schutz und Unterstützung.

Vertraute Gegenwartsobjekte nutzen

Einen Schlüssel, ein Handy oder eine aktuelle Zeitung zeigen: „Das gehört zu heute.“

Konkrete, greifbare Dinge helfen mehr als abstrakte Erklärungen.

Jahreszeiten bewusst erleben

Wetter, Natur, Gerüche oder Feste benennen: „Jetzt ist Herbst 2025.“

So wird der aktuelle Zeitpunkt körperlich spürbar.

Verlässliche innere Kommunikation

Anteile regelmäßig informieren: „Heute gehen wir einkaufen“, „Morgen ist Therapie“.

Sicherheit durch klare Ankündigungen.

Rituale zum Abschließen von „Damals“

Sanfte Symbole nutzen: eine Kerze für die Vergangenheit, eine zweite für die Gegenwart.

Dadurch wird sichtbar: „Beides existiert, aber heute ist jetzt.“

Wichtig: Alles geschieht in kleinen Schritten und niemals mit Druck. Manche Anteile brauchen lange, bis sie die Gegenwart akzeptieren können – und das ist in Ordnung.


"Es geht nicht darum, Anteile zu verändern, 

sondern ihnen zu zeigen:

 Heute ist heute – und damals ist vorbei.“





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