Realitätscheck: Damals oder Heute?

Menschen mit einer DIS oder traumatischen Erfahrungen kennen oft die Schwierigkeit, Vergangenheit und Gegenwart auseinanderzuhalten. Gefühle, Körperempfindungen oder innere Stimmen können so stark aus der Vergangenheit geprägt sein, dass sie im Hier und Jetzt wie real und bedrohlich wirken. Das Nervensystem reagiert dann, als sei die alte Gefahr noch immer da.

Ein Realitätscheck bedeutet: innehalten und bewusst prüfen, ob das, was man gerade erlebt, zu heute gehört – oder ob es eher Erinnerungen und alte Muster sind, die sich aufdrängen. Diese Unterscheidung ist zentral für Stabilisierung, weil sie dem Erwachsenen-Ich Orientierung gibt.

Es geht nicht darum, Anteile oder Erinnerungen wegzuschieben, sondern darum, Klarheit zu schaffen: Bin ich in einer aktuellen Situation oder erlebe ich alte Gefühle?

Im Folgenden findest du fünf Bereiche, in denen Realitätschecks helfen können – jeweils mit Beispielen, wie sich „Damals“ und „Heute“ unterscheiden lassen.

1. Umgebung

Damals: kleines Kinderzimmer – Heute: eigene Wohnung.
Damals: verschlossene Tür ohne Ausweg – Heute: offene Tür, ich kann gehen.
Damals: Bett im Kinderstil – Heute: erwachsene Einrichtung.
Damals: keine Privatsphäre – Heute: eigenes Zimmer.
Damals: laute Stimmen von Erwachsenen – Heute: ruhige Umgebung.
Damals: Schulweg – Heute: Arbeitsplatz oder andere Routine.
Damals: Abhängigkeit von Eltern – Heute: eigene Schlüssel, eigenes Konto.
Damals: bekannte Gefahrensituation – Heute: Alltag ohne Bedrohung.
Damals: enge Räume – Heute: größere Bewegungsfreiheit.
Damals: fremdbestimmt – Heute: selbstbestimmt.

2. Körper und Alter

Damals: kleiner Körper – Heute: erwachsen, größer und stärker.
Damals: keine Möglichkeit, sich zu wehren – Heute: körperliche Kraft vorhanden.
Damals: Abhängigkeit – Heute: eigenständig.
Damals: Kinderstimme – Heute: erwachsene Stimme.
Damals: keine Kontrolle – Heute: Führerschein, Wahlrecht, Selbstbestimmung.
Damals: Schulkleidung – Heute: Kleidung nach eigener Wahl.
Damals: begrenzte Sprache – Heute: differenziertes Ausdrucksvermögen.
Damals: klein und übersehbar – Heute: größer und sichtbar.
Damals: schwach – Heute: stärker, trainierter Körper.
Damals: verletzliches Kind – Heute: erwachsene Person mit Ressourcen.

3. Sicherheit

Damals: Täter in der Nähe – Heute: Täter nicht mehr präsent.
Damals: keine Schutzperson – Heute: Polizei oder Hilfen verfügbar.
Damals: keine Möglichkeit zu fliehen – Heute: Wohnung verlassen jederzeit möglich.
Damals: keine Telefonverbindung – Heute: Handy und Notruf verfügbar.
Damals: keine rechtliche Macht – Heute: Gesetze schützen Erwachsene.
Damals: Isolation – Heute: Kontakte, Freund*innen, Netzwerke.
Damals: keine Kontrolle über Termine – Heute: selbstbestimmte Planung.
Damals: keine Hilfe – Heute: Therapie und Unterstützung zugänglich.
Damals: Gefahr im Alltag – Heute: Alltag weitgehend sicher.
Damals: niemand hörte zu – Heute: Ansprechpersonen vorhanden.

4. Gefühle

Damals: Angst vor Strafe – Heute: Angst ist Erinnerung, nicht Realität.
Damals: ständige Scham – Heute: Scham taucht auf, aber Situation ist anders.
Damals: Schuldgefühle – Heute: Verantwortung liegt bei den Erwachsenen von damals.
Damals: Überforderung – Heute: mehr Möglichkeiten, Belastung zu steuern.
Damals: Hilflosigkeit – Heute: Handlungsoptionen verfügbar.
Damals: Einsamkeit – Heute: soziale Kontakte.
Damals: Abhängigkeit – Heute: Selbstständigkeit.
Damals: Wut ohne Stimme – Heute: Wut kann benannt und reguliert werden.
Damals: Ohnmacht – Heute: Ressourcen und Strategien verfügbar.
Damals: Traurigkeit ohne Ausdruck – Heute: Gefühle können geteilt werden.

5. Handlungsmöglichkeiten

Damals: keine Fluchtmöglichkeit – Heute: jederzeit Raum verlassen.
Damals: keine Sprache – Heute: Worte verfügbar.
Damals: keine Hilfe holen – Heute: Telefon, Freunde, Hilfen.
Damals: keine Selbstverteidigung – Heute: Schutzmöglichkeiten.
Damals: keine Wahl – Heute: Entscheidungen treffen möglich.
Damals: alles wurde bestimmt – Heute: Selbstbestimmung.
Damals: keine Grenzen setzen – Heute: Stopp sagen möglich.
Damals: keine Kontrolle über Alltag – Heute: Tagesplanung selbst gestalten.
Damals: keine Möglichkeit zu lernen – Heute: Wissen und Therapie verfügbar.
Damals: keine Rechte – Heute: rechtlicher Schutz.



Ein Realitätscheck hilft, alte Erfahrungen und aktuelle Realität auseinanderzuhalten.
 Durch Vergleiche in den Bereichen Umgebung, Körper, Sicherheit, Gefühle und Handlungsmöglichkeiten wird klarer: Das war damals – heute sieht die Situation anders aus.

Diese Klarheit stärkt das Erwachsenen-Ich und entlastet das innere System.