DIS und Suchtverhalten
Suchtverhalten ist bei Menschen mit Dissoziativer Identitätsstörung (DIS) keine Seltenheit. Es geht dabei nicht um „Willensschwäche“ oder einen vermeintlichen Mangel an Disziplin, sondern um ein tief verankertes Muster, das aus der Not heraus entstanden ist. Wer als Kind Gewalt, Missbrauch oder Vernachlässigung erlebt hat, musste Wege finden, um mit unerträglichen Gefühlen, Körperempfindungen und Erinnerungen umzugehen. Oft war Dissoziation selbst schon eine Art Betäubung: Gefühle wurden abgespalten, Erinnerungen verdrängt, innere Anteile nahmen bestimmte Lasten auf sich. Im Erwachsenenalter kann sich diese Logik fortsetzen – manchmal durch Substanzen, manchmal durch andere Verhaltensweisen, die süchtig werden.
Alltagssituationen: Wie Suchtverhalten bei DIS sichtbar wird
Abendlicher Kontrollverlust
Ein Alltagsanteil trinkt keinen Alkohol, hält sich an Regeln – doch am nächsten Morgen stehen leere Flaschen in der Küche. Ein anderer Anteil hat nachts übernommen.
Medikamente doppelt nehmen
Ein Anteil hat bereits Schmerztabletten genommen, ein anderer weiß davon nichts und nimmt sie noch einmal. Das führt zu Verwirrung und erhöhtem Risiko.
Heißhungeranfälle
Nach einem stressigen Tag übernimmt ein jüngerer Anteil und isst unkontrolliert große Mengen Süßes – während der erwachsene Anteil am nächsten Morgen über Schuldgefühle stolpert.
Rauchen
Ein Anteil raucht, um innere Spannung zu regulieren, während andere Anteile den Geruch nicht ertragen können und den Körper ablehnen.
Exzessives Arbeiten
Ein kontrollierender Anteil zwingt das System, stundenlang durchzuarbeiten, um keine Gefühle aufkommen zu lassen – bis der Körper völlig erschöpft ist.
Nächte vor dem Bildschirm
Ein Anteil flüchtet ins Internet oder in Computerspiele und verbringt dort stundenlang Zeit, während andere Anteile die Orientierung verlieren und Schlaf fehlt.
Selbstverletzung als Ventil
Innere Spannung wird durch Ritzen oder Schlagen abgebaut – und ein anderer Anteil wacht danach entsetzt über die Wunden auf.
Beziehungsabhängigkeit
Ein Anteil schreibt exzessiv Nachrichten oder klammert an einer Person, um nicht allein zu sein – andere Anteile fühlen sich dadurch bloßgestellt oder schwach.
Kaufsucht
Plötzlich sind Bestellungen getätigt, für die das Geld eigentlich fehlt. Ein Anteil hat sich durch Shopping kurzfristig beruhigt, der Alltagsanteil muss mit den Folgen umgehen.
Versteckte Vorräte
Ein Anteil legt Süßigkeiten, Alkohol oder Tabletten an geheimen Orten ab, damit sie jederzeit verfügbar sind. Andere Anteile finden sie zufällig und sind irritiert oder wütend.
Diese Szenen zeigen, wie widersprüchlich und komplex Sucht bei DIS sein kann: Nicht alle Anteile ziehen an einem Strang. Manche suchen Beruhigung, andere lehnen das ab, wieder andere wollen „funktionieren“. Für Betroffene fühlt es sich oft wie ein innerer Kampf an, bei dem niemand wirklich gewinnt – außer kurzfristig die Sucht.
Kontrolle und Betäubung sind zwei Seiten derselben Medaille
Für viele Betroffene ist der Konsum von Alkohol, Medikamenten oder Drogen eine Möglichkeit, nicht überwältigt zu werden. Andere stürzen sich in Arbeit, Sport oder digitale Ablenkung, um das innere Chaos nicht zu spüren. Wieder andere nutzen Essen – zu viel oder zu wenig – um Gefühle von Leere oder Schmerz zu regulieren. Auch selbstverletzendes Verhalten kann wie eine Sucht wirken: Es bringt kurzfristige Entlastung, aber verstärkt langfristig die Not.
Ein wichtiges Detail bei DIS ist, dass Suchtverhalten nicht immer von allen Anteilen getragen wird
Manchmal konsumiert ein Anteil, während ein anderer davon nichts weiß. Das führt zu Verwirrung, Schuldgefühlen oder Kontrollverlust. Ein Alltagsanteil kann streng auf Abstinenz achten, während ein jüngerer oder verletzter Anteil heimlich trinkt oder Medikamente nimmt, um Angst und innere Spannung zu beruhigen. Täterloyale Anteile können zusätzlich Druck machen und fordern, sich selbst zu schaden. Diese Dynamik macht Sucht bei DIS besonders komplex: Es ist nicht „eine Person, die süchtig ist“, sondern ein System, in dem unterschiedliche Teile sehr verschiedene Bedürfnisse und Motive haben.
Warum spielt Sucht hier eine so große Rolle?
Weil sie eine Fortsetzung der alten Überlebensstrategien ist. Früher diente die Abspaltung dazu, Schmerz zu vermeiden. Heute übernimmt ein Suchtmittel oder ein Verhalten diese Funktion: Es verschafft Distanz zum Erlebten, es beruhigt das Nervensystem, es macht das Unerträgliche für einen Moment erträglich. Aber genau wie Dissoziation ist auch Sucht kein dauerhaft tragfähiger Weg – sie unterdrückt, anstatt zu verarbeiten.
Das bedeutet nicht, dass Sucht „falsch“ ist. Sie hatte und hat eine Funktion. Sie zeigt, dass das innere System Entlastung braucht. Aber sie bringt neue Probleme mit sich: körperliche Abhängigkeit, Scham, Konflikte im System, Schwierigkeiten in Beziehungen. Deshalb ist es so wichtig, Wege zu finden, wie Entlastung auch anders möglich wird.
Ein hilfreicher Schritt kann sein, das Suchtverhalten nicht moralisch zu bewerten, sondern zu verstehen
Die Frage lautet nicht: „Warum bin ich so schwach?“ – sondern: „Welcher Anteil braucht gerade so dringend Entlastung, dass er zur Substanz oder zum Verhalten greift?“ In der Therapie kann das sichtbar werden: Vielleicht trinkt ein jüngerer Anteil, um sich zu beruhigen. Vielleicht arbeitet ein anderer Anteil ununterbrochen, um keinen Moment der Stille auszuhalten. Vielleicht fordert ein innerer Kritiker ständige Disziplin, die nur mit heimlichem Essverhalten oder Selbstverletzung zu ertragen ist.Wege aus der Sucht sind deshalb nie einfach und selten linear
Rückfälle sind Teil des Prozesses. Wichtig ist, Alternativen zu entwickeln: kleine Momente der Selbstberuhigung ohne Substanz, sichere Orte im Innen und Außen, verlässliche Menschen im Umfeld. Auch die Kombination von Traumatherapie und Suchttherapie ist entscheidend – denn beides hängt eng zusammen. Wer nur die Sucht behandelt, ohne die Traumadynamik zu berücksichtigen, bleibt oft in einer Endlosschleife. Wer nur das Trauma bearbeitet, ohne den Umgang mit Sucht zu stabilisieren, läuft Gefahr, immer wieder überfordert zu werden.
Im Kern geht es darum, dass das System neue Strategien lernt: Sicherheit schaffen, ohne zu betäuben. Gefühle wahrnehmen, ohne von ihnen überschwemmt zu werden. Nähe zulassen, ohne in alte Gefahrenlogiken zurückzufallen. Das braucht Zeit, Geduld und Unterstützung – und vor allem den Blick darauf, dass Sucht kein Zeichen von Schwäche ist, sondern eine Botschaft: Es war zu viel. Wir mussten überleben.
Wege aus der Abhängigkeit – Balance finden
Anerkennen
Sucht ist keine Schwäche, sondern ein Versuch, mit Schmerz umzugehen. Erst wenn klar ist, dass das Verhalten eine Funktion hatte, kann man beginnen, es zu verändern.Systemisch denken
Nicht „ich bin süchtig“, sondern: Welcher Anteil greift zur Substanz, und warum? So wird deutlich, dass es innere Bedürfnisse sind, die einen Ausweg suchen.Beispiel: Der jüngere Anteil nimmt Medikamente, weil er Angst vor Albträumen hat. Der Alltagsanteil kann ihm andere Strategien anbieten.
Alternativen entwickeln
Sucht gibt schnelle Erleichterung. Diese Lücke muss mit anderen Möglichkeiten gefüllt werden: Bewegung, Atmung, Musik, Körperkontakt (z. B. eine Decke, ein Tier), kreative Ausdrucksformen.Beispiel: Statt zur Flasche zu greifen, Musik hören und den Körper bewegen, um die Spannung abzubauen.
Trigger erkennen
Viele Rückfälle entstehen, wenn bestimmte Gefühle oder Situationen unbemerkt Druck aufbauen. Ein Trigger-Tagebuch kann helfen, Muster sichtbar zu machen.Beispiel: Jedes Mal nach einem Streit entsteht der Drang nach Alkohol. Mit der Zeit wird klar: Es geht nicht um den Streit, sondern um das Gefühl von Verlassenheit.
Therapie kombinieren
Eine reine Suchttherapie greift oft zu kurz, weil sie die Traumadynamik übersieht. Und eine reine Traumatherapie übersieht manchmal die Dringlichkeit der Abhängigkeit. Beides zusammen gibt Stabilität.Beispiel: In der Suchtgruppe Abstinenzregeln lernen, in der Traumatherapie parallel daran arbeiten, warum bestimmte Anteile so viel Entlastung brauchen.
Selbstfürsorge
Kleine Rituale können das System beruhigen: Tee trinken, warme Dusche, Spazierengehen, ruhige Musik. Das ersetzt keine Substanz sofort, schafft aber eine neue Spur im Gehirn.Beispiel: Abends statt Alkohol ein festes Ritual: Tee kochen, Kerze anzünden, Tagebuch schreiben.
Stabile Beziehungen
Sucht gedeiht im Geheimen. Unterstützung von außen – Freunde, Partner, Therapeuten – kann entlasten, weil jemand mitträgt.Beispiel: Ein vertrauter Mensch weiß, dass der Drang abends am stärksten ist, und ruft gezielt an, um Nähe und Halt zu geben.
Notfallstrategien
Wenn der Suchtdruck groß wird, hilft ein klarer Plan: Wen anrufen? Welche Alternativen sofort nutzen? Welche Schritte, um die akute Gefahr zu überstehen?Beispiel: Eine Liste mit „5 Dingen, die ich sofort tun kann“: kaltes Wasser trinken, spazieren gehen, eine Freundin anrufen, inneren sicheren Ort aufsuchen, Atemübung machen.
Geduld
Suchtmuster entstehen über Jahre – sie verschwinden nicht über Nacht. Rückfälle gehören dazu, ohne dass der gesamte Weg verloren ist. Wichtig ist, nicht aufzugeben.Beispiel: Nach einem Rückfall bewusst sagen: „Das war ein Schritt zurück, aber kein Scheitern. Ich fange morgen wieder an.“
Vertrauen aufbauen
Langfristig geht es darum, dass das erwachsene Selbst nach und nach die Führung übernimmt. Kontrolle wird vom Suchtmittel auf die eigenen Fähigkeiten übertragen.Beispiel: Statt zu trinken, bewusst wahrnehmen: „Ich kann mich selbst beruhigen, auch ohne Substanz.“ Mit jedem Mal wächst das Vertrauen in die eigene Stärke.