DIS und Panikattacken
Panikattacken gehören zu den häufigsten Begleiterscheinungen bei einer Dissoziativen Identitätsstörung (DIS). Sie können plötzlich auftreten – Herzrasen, Atemnot, Schwindel, Zittern, das Gefühl, gleich zu sterben oder verrückt zu werden. Für Menschen mit DIS haben Panikattacken oft eine besondere Qualität: Sie sind nicht nur körperliche Stressreaktionen, sondern tief mit Anteilen und traumatischen Erinnerungen verbunden.
Panikattacken – was im Gehirn passiert
Eine Panikattacke fühlt sich oft an, als ob man die Kontrolle verliert: Herzrasen, Atemnot, Schwindel, Zittern, Todesangst. Neurologisch betrachtet handelt es sich jedoch um eine Fehlalarm-Reaktion des Nervensystems.
1. Die Rolle der Amygdala
Die Amygdala (Mandelkern) ist das „Gefahrenradar“ des Gehirns.
Sie prüft blitzschnell: Gefahr oder Sicherheit?
Bei Panik schlägt sie fälschlicherweise Alarm, auch wenn objektiv keine Gefahr da ist.
Sie aktiviert das sympathische Nervensystem – den Körpermodus für Kampf oder Flucht.
2. Der Hypothalamus und das Stresssystem
Nach dem Amygdala-Alarm reagiert der Hypothalamus. Er schüttet Botenstoffe aus, die die HPA-Achse aktivieren (Hypothalamus–Hypophyse–Nebennierenrinde).
Ergebnis: Adrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet.
Folgen: Herzschlag steigt, Atem geht schneller, Muskeln spannen sich an, Verdauung stoppt.
3. Der präfrontale Kortex – und warum er „ausfällt“
Normalerweise hilft der präfrontale Kortex (Stirnhirn), Situationen rational einzuschätzen („Es ist nur ein Geräusch, keine Gefahr“).
Während einer Panikattacke wird er jedoch durch die massive Stressreaktion gehemmt.
Das Denken wird chaotisch oder bricht ab → nur das Gefühl von „Gefahr“ bleibt übrig.
4. Körperliche Symptome als Folge
- Herzrasen: Der Körper bereitet sich auf Flucht oder Kampf vor.
- Atemnot / Hyperventilation: Mehr Sauerstoff für die Muskeln – führt aber zu Schwindel.
- Schwitzen, Zittern: Energie wird freigesetzt, Muskeln spannen sich an.
- Engegefühl: Brustkorb und Zwerchfell verspannen sich.
- Entfremdungsgefühle (Dissoziation): Bei Überlastung schaltet der Körper auf „Not-Aus“, um nicht zu kollabieren.
5. Warum Panik sich so real anfühlt
Das Gehirn unterscheidet nicht zwischen echter Gefahr und innerer Erinnerung. Für die Amygdala ist beides gleich bedrohlich. Deshalb fühlen sich Panikattacken absolut real an – auch wenn von außen „nichts passiert“.
6. Verbindung zu DIS
Bei DIS tragen manche Anteile die alten Trauma-Erfahrungen. Wenn diese nach vorne kommen, aktiviert die Amygdala sofort Alarm. Für das Nervensystem gibt es dann keinen Unterschied zwischen Damals und Heute → Panikattacke.
Neurologisch ist eine Panikattacke kein Zeichen von Schwäche, sondern eine Fehlsteuerung des Gefahrenradars im Gehirn. Die Amygdala zieht die Notbremse, der Körper schaltet in Alarmbereitschaft, der Verstand verliert den Überblick. Das Wissen darüber kann helfen, Panik weniger als „Wahnsinn“ zu erleben – und mehr als das, was es ist: eine überdrehte Schutzreaktion.
Mögliche Ursachen für Panikattacken bei DIS und was du dagegen tun kannst
1. Trigger (z. B. Geruch von Aftershave)
Innerlich benennen: „Das ist ein Geruch, der uns erinnert. Wir sind im Heute.“
Bodenhaftung: Einen anderen Duft bewusst riechen (Lavendel, Parfum, Tee).
Selbstorientierung: „Es ist 2025, ich rieche einen Duft hier im Zimmer, nicht damals.“
2. Zeitbrille (ein Anteil erlebt die Gegenwart wie Damals)
Innerlich benennen: „Das fühlt sich wie früher an. Aber wir sind groß und im Heute.“
Bodenhaftung: Füße fest auf den Boden drücken, 5 Sekunden spüren.
Selbstorientierung: Datum und Uhrzeit laut sagen: „Es ist der 20. September 2025.“
3. Überforderung (nach Therapie oder Reizüberflutung)
Innerlich benennen: „Wir sind erschöpft. Es ist zu viel gewesen.“
Bodenhaftung: Eine Decke nehmen und den Körper bewusst spüren.
Selbstorientierung: „Wir sind jetzt zu Hause, wir dürfen uns ausruhen.“
4. Alte Schutzmuster (z. B. Telefon klingelt)
Innerlich benennen: „Das ist ein alter Alarm. Heute droht keine Gefahr.“
Bodenhaftung: Tief atmen, Hand auf den Bauch legen, 3 Atemzüge.
Selbstorientierung: „Es ist nur ein Telefon, wir entscheiden, ob wir rangehen.“
5. Innere Konflikte (ein Anteil will Nähe, ein anderer hat Angst)
Innerlich benennen: „Ihr seid beide da. Wir hören euch.“
Bodenhaftung: Etwas Weiches und etwas Festes gleichzeitig anfassen (z. B. Kissen + Tischkante).
Selbstorientierung: „Wir sind erwachsen, wir dürfen langsam entscheiden.“
6. Amnesielücken (plötzliche Erinnerungslücke)
Innerlich benennen: „Wir wissen etwas nicht – das ist eine Lücke, kein Fehler.“
Bodenhaftung: Kaltes Wasser über die Hände laufen lassen.
Selbstorientierung: „Wir sind hier und jetzt, auch wenn wir uns nicht an alles erinnern.“
7. Unvorbereitete Wechsel (ein Anteil rutscht mitten im Alltag nach vorne)
Innerlich benennen: „Wir wechseln gerade, das gehört zu uns.“
Bodenhaftung: Einen Stuhl anfassen oder sich setzen – Körperkontakt spüren.
Selbstorientierung: „Wir sind auf der Arbeit/in der Wohnung – es ist 2025.“
8. Körpererinnerungen (z. B. enger Pullover)
Innerlich benennen: „Das ist ein Körpergefühl aus der Vergangenheit.“
Bodenhaftung: Kleidung wechseln, bewusst die neue Textur anfassen.
Selbstorientierung: „Das ist Stoff von heute, er ist weich und ungefährlich.“
9. Fehlende Sicherheit im Außen (Menschenmenge, Bahnhof)
Innerlich benennen: „Wir fühlen uns unsicher, aber wir sind nicht in Gefahr.“
Bodenhaftung: Kopfhörer aufsetzen, Blick auf die Füße richten.
Selbstorientierung: „Wir sind am Bahnhof, gleich fahren wir nach Hause.“
10. Verlust von Kontrolle (ein Anteil merkt, er ist nicht am Steuer)
Innerlich benennen: „Wir wechseln. Das ist okay, wir sind trotzdem sicher.“
Bodenhaftung: Einen festen Gegenstand in die Hand nehmen (Stein, Tasse, Schlüssel).
Selbstorientierung: „Egal wer vorne ist – wir sind im Heute, 2025, in unserer Wohnung.“
Wie sich Panik bei Anteilen zeigt
Kinderanteile: Weinen, Zittern, das Bedürfnis zu fliehen oder nach Bezugspersonen zu rufen.Jugendliche Anteile: Trotz oder Wut mischt sich in die Angst („Alles ist zu viel!“).
Erwachsene Anteile: Körperliche Symptome wie Schwindel, Herzrasen, Enge in der Brust.
Schutzanteile: Übergehen sofort in Abwehr oder Aggression, um die Panik zu verdecken.
Kurzfristige Hilfen bei Panikattacken
Atmung beruhigen – Hand auf den Bauch, langsam ein- und ausatmen.Realitätsanker – Uhrzeit, Datum, Ort benennen („Es ist 2025, ich sitze in meinem Zimmer“).
Körper spüren – Füße fest auf den Boden, etwas Hartes oder Kaltes in die Hand nehmen.
Umfeld sichern – Geräusche, Licht oder Menschen reduzieren.
Anteile ansprechen – „Wir sind im Heute. Wir sind nicht mehr in Gefahr.“
Mittelfristige Strategien
Innere Kommunikation üben: Überforderte Anteile frühzeitig wahrnehmen.Pausen einplanen: Nach innerer Arbeit bewusst Erholungszeiten schaffen.
Trigger-Liste führen: Situationen oder Reize sammeln, die Panik auslösen, um besser vorbereitet zu sein.
Rituale etablieren: Ein bestimmtes Getränk, eine Decke, ein Symbol → Signal für Sicherheit.
Langfristige Strategien
Therapeutische Begleitung: Panikattacken im sicheren Rahmen anschauen und bearbeiten.
Traumaaufarbeitung dosieren: Kleine Schritte statt Überflutung. Selbstmitgefühl lernen: Panik als Schutzreaktion sehen, nicht als Schwäche.
Integration fördern: Je mehr Anteile Wissen und Gefühle teilen, desto weniger eskalieren alte Muster.
Bei DIS sind Panikattacken mehr als „plötzliche Angst“ – sie sind oft ein Echo aus der Vergangenheit, das ins Heute drängt. Sie zeigen: Ein Anteil trägt gerade mehr, als er tragen kann. Mit kurzfristigen Hilfen, mittelfristiger Stabilisierung und langfristiger Therapie kann Panik an Schrecken verlieren – und sich nach und nach in ein Signal verwandeln: „Wir brauchen Sicherheit.“