DIS-Notfallkoffer

Woher stammt die Idee?

Der „Notfallkoffer“ kommt ursprünglich aus der traumatherapeutischen Arbeit. Therapeut*innen haben festgestellt, dass Betroffene von DIS oder komplexen Traumafolgestörungen in akuten Krisen Momente brauchen, in denen sie sich schnell stabilisieren können.

Statt immer wieder von der Überflutung überrascht zu werden, kann ein vorbereiteter Koffer (real oder symbolisch) helfen: Man greift hinein, wenn nichts anderes mehr geht.

Die Idee knüpft an eine schlichte Logik an: In echten Notfällen öffnet man den Erste-Hilfe-Kasten. Warum also nicht auch bei seelischen Notfällen etwas Ähnliches bereithalten?


Was soll der Notfallkoffer bewirken?

Sicherheit schaffen

Er erinnert: „Ich habe Hilfen. Ich bin nicht völlig ausgeliefert.“

Selbstwirksamkeit stärken

In akuten Momenten können Betroffene selbst etwas tun, statt auf Rettung von außen warten zu müssen.

Brücke ins Heute

Viele Inhalte sind so gewählt, dass sie die Gegenwart spürbar machen und Flashbacks oder Switches abmildern.

Kommunikation im System fördern

Anteile bekommen Signale, dass ihre Not gesehen wird und dass es gemeinsame Strategien gibt.

Ressourcen bündeln

Was sonst verstreut wäre (Telefonnummern, kleine Hilfsmittel, Erinnerungen), ist an einem Ort griffbereit.



Was gehört in den Notfallkoffer hinein?

Ein Notfallkoffer ist individuell. Es gibt keine Standardliste, sondern nur Vorschläge, die jede*r für sich prüfen kann. Typische Inhalte sind:

1. Körper & Sinnesreize

Kleiner Handschmeichler (Stein, Kristall, Muschel)

Pfefferminz-Kaugummi oder Bonbon für starken Geschmack

Duftöl (z. B. Lavendel oder Zitrone)

Kühlpack oder kleine Wärmflasche

Fidget-Toy, Anti-Stress-Ball oder Knetmasse

2. Orientierung im Heute

Kärtchen mit Name, Datum, Uhrzeit und Ort („Ich bin hier und heute ist …“)

Armbanduhr oder Handy-Timer zum Fokussieren auf die Gegenwart

Postkarte oder Foto vom aktuellen Wohnort

Kleine Liste: „Drei Dinge, die ich heute schon getan habe“

Laminiertes Kärtchen mit dem Satz: „Das war damals – jetzt ist heute“

3. Sicherheit & Beruhigung

Kleine Decke, weicher Schal oder Tuch zum Einhüllen

Stofftier oder Kissen mit angenehmer Haptik

Notfall-Liste mit Telefonnummern von vertrauten Personen

Karte mit einem Heilsatz: „Ich darf mich sicher fühlen“

Entspannende Musikdatei oder Geräusch (Meer, Wald, Regen)

4. Innere Kommunikation

Block und Stift für spontane Mitteilungen der Anteile

Umschlag mit beruhigenden Botschaften („Du bist nicht allein“)

Kleines Puzzle-Teil als Symbol für das ganze System

Tagebuch oder Notizbuch für System-Kommunikation

Karte mit Frage: „Wer ist gerade vorn – und was brauchst du?“

5. Positive Ablenkung

Rätselheft oder Sudoku

Mini-Malblock mit Buntstiften

Kleine Figur oder Spielzeug (z. B. Lego, Playmobil, Jojo)

Kurze Playlist mit Lieblingsliedern (max. 3 Songs)

Fotoalbum mit 3–5 fröhlichen Erinnerungen

6. Ressourcen-Erinnerungen

Foto von einer sicheren Person oder einem Haustier

Liste der eigenen Stärken („Ich kann …“)

Symbol für etwas Erreichtes (z. B. Medaille, Urkunde, Stein vom Wanderweg)

Karte mit 3 Mutmach-Sätzen („Ich bin stark – ich bin nicht allein – ich darf jetzt leben“)

Ein kleiner Gegenstand, der Freude symbolisiert (z. B. Glücksbringer)



Praktische Tipps

Größe

Der Koffer (oder die Box/Tasche) sollte klein genug sein, dass er in Reichweite bleibt – manche packen sich auch eine Mini-Version für unterwegs.

Individualität

Jeder Notfallkoffer ist anders. Was eine Person beruhigt, kann eine andere triggern. Wichtig ist: ausprobieren.

Symbolisch oder real

Manche nutzen eine echte Box, andere ein digitales Dokument oder eine imaginäre Schatzkiste im Kopf. Alles ist erlaubt.

Pflege

Inhalte regelmäßig überprüfen und auffrischen – was einmal half, kann später nutzlos oder sogar belastend sein.



Ein DIS-Notfallkoffer ist wie eine Schatzkiste für schwierige Momente.

Er erinnert dich daran: 

Auch wenn ein Switch oder Trigger kommt – du hast Werkzeuge, die dich zurück ins Heute bringen.